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Zwei Museumsbesuche am 29.5.2010
Karin Kneffel in der Kunsthalle Tübingen
Die Halle, Cezanne, Adriani
Mein erster Besuch dieser Kunsthalle liegt schon 17 Jahre zurück. Damals wurde Paul Cezanne gezeigt, und der Andrang war so unglaublich groß, dass ich mit einer Freundin mehrere Stunden in der Schlange vor dem Eingang warten musste, weshalb ich jede einzelne Treppenstufe vor dem Gebäude persönlich kenne. Innerhalb von 15 Wochen mussten 430000 Besucher durch das Museum geschleust werden. Da blieben Staus, besonders am Wochenende, natürlich nicht aus. Innen sind alle Räume weiß, was die Farbigkeit der Bilder zum Strahlen bringt, und von der Galerie hat man eine großartige Aussicht auf die untere Etage, wodurch der Blick auf große Formate zum Erlebnis wird. Der Kunsthistoriker Götz Adriani leitete von 1971 bis 2005 dieses moderne und helle, auf einem Hügel über der Altstadt gelegene Haus und bescherte ihm im Laufe der Jahre einige spektakuläre Ausstellungen. Er wirkte beim Aufbau des ZKM Karlsruhe mit und fungiert heute als Vorstandsmitglied im Frieder Burda Museum.Die letzten Jahre war es still geworden um die Kunsthalle Tübingen.
Die Sommerausstellung 2010
Nun überrascht sie den Kunstliebhaber dieses Jahr mit den wunderbar gigantischen Gemälden von Karin Kneffel. Leider oder Gott sei Dank war der Andrang nicht so stark wie 1993 bei Cezanne, so dass wir Samstag Vormittags an der Kasse nicht anstehen mussten. Nach dem Studium der Germanistik und Philosophie schob sie noch ein Kunststudium an der Akademie in Düsseldorf nach und wurde dort Meisterschülerin bei Gerhard Richter. In der Folge erhielt sie mehrere Stipendien und Kunstpreise. Das verwundert den Kenner überhaupt nicht. Ihre überdimensionierten Stillleben mit Obst und anderen Genüssen sind so geschmackvoll schmackhaft hyperrealistisch gemalt, dass man direkt Appetit auf frische Trauben und Zwetschgen bekommt. Licht und Schatten sind so stimmig, dass eine Dreidimensionalität entsteht,, die durch Photographie nicht übertroffen werden kann.
Andere Lebensmittel wie Eier, Nudeln auf einem Pastateller, ein riesiger Pudding oder auch Koteletts auf schönem Fliesenboden erzeugen surreale Effekte , zum Greifen nah, wie sie Rene Magritte vor Neid erblassen lassen würden. Ihre Interieurs mit blank geputzten Fußböden spiegeln darauf stehende und liegende Gegenstände oder Tiere so irreal, dass die Verbindung zwischen Auge und Gehirn verloren scheint. Der vertraute Halt im Raum wird aufgehoben, entschwindet ins Unfassbare. Zeitweise weiß man nicht, was oben und unten ist. Ihre Fensterräume scheinen Fensterträumen gleich das Äußere ins Innere zu kehren, was außen wohnt, sollte innen sein.
Über zwei ihrer mehr als zwei Quadratmeter großen Verwirrungen läuft ein Hund über einen rot-gemusterten Teppich, der wiederum auf einem spiegelblanken Boden liegt. Magische Bewegung ist diesen Bildern inne, dass man vom Schwindel befallen wird, sobald man den Raum betritt. Man fühlt sich wie ein Strandläufer gerade frisch am Meer angekommen . Alle Gegenstände sind scheinbar zum Greifen nah und doch auf seltsame Art der Welt entrückt. Straßenszenen widerspiegeln sich in Wasserluftblasen oder luftigen Wassertropfen auf imaginären Fensterscheiben. Auf einem 8-teiligen Werk „kneipp-stapfen“ Personen in sich fortsetzenden Zweier- und Dreiergruppen in einem Gewässer, in dem sich scheinbar Gebäudeteile eines Schlosses spiegeln, aneinandergereiht wie Dominoklötzchen, zum Bauklötzchen-Staunen.
Bei näherem Betrachten erstaunt die solide Handwerkskunst, die jeden Pinselstrich erkennen lässt. Wer die Bilder nur vom Bildschirm oder auf Papier kennt, glaubt irrtümlich an eine Spritztechnik, wie sie in den 70er Jahren von den Hyperrealisten angewendet wurde, um so mehr begeistert die Künstlerin. Karin Kneffel haucht ihren Bildern auf wunderbare Weise Leben ein, dass man Sehnsucht danach bekommt eines ihrer Werke zu besitzen. Doch leider befinden sie sich bereits alle in fremdem Händen. Viele davon hängen jedoch auch in Museen, wo man sie dann bei Gelegenheit wieder betrachten kann. Wer nicht so lange warten will, kann sich einen Ausstellungskatalog kaufen, der mit 25 € nicht zu teuer ist, auf Wunsch auch mit Signatur(dann allerdings zehn € mehr).
Nach diesem Kunstgenuss kann man sich im Museumscafe auch einen Obst- Kuchen gönnen. Der Rundgang hat Wünsche auf Gaumenfreude geweckt.
Nächstes Ziel
Anschließend ein kleiner Spaziergang durch die Altstadt von Tübingen zur Entspannung nach der Augenweide und dann geht’s weiter zu einem kurzen Zwischenstopp im Kloster Bebenhausen mit anschließendem Mittagessen im Biergarten.
Bilder aus dem Kloster Bebenhausen (von Peter Röhl)

Am Nachmittag entschließen wir uns dann (leider) zu einem spontanen Besuch des Museums Ritter in Waldenbuch, da wir sowieso schon in der Nähe sind.
Museum Ritter Waldenbuch (Ritter Sport)
Das Museum
Da wir nun gut gestärkt nach unserem Mahl in Bebenhausen den Rückweg antraten, beschlossen wir spontan den Kulturtag mit einem Besuch des Museum Ritter in Waldenbuch zu beschließen.
Die grandiose Architektur des Gebäudes war uns bereits aus den Medien allzu bekannt. Trotzdem war es wirklich eine Überraschung, als wir in dem kleinen idyllischen Tal diesen hellen gigantischen Kubus entdeckten. Das schlichte ,moderne Gebäude wird durch eine Passage in zwei ungleiche Flügel geteilt. Der größere Trakt gilt unter Kunstinteressierten als Unterkunft einer beachtenswerten Sammlung und Ausstellungsraum zeitgenössischer Kunst.
Die in sich ruhenden klaren Formen schreien geradezu hinaus: „Tritt ein, betrachte mich von innen!“ Gerne folgten wir der Aufforderung dieses einladenden Gebäudes.
Camille Graeser
Die erste Etage
Die Eintrittskarten aus textilem Material mit der Aufschrift:“Betreten der Ausstellung verboten!“ fand ich als Textilkünstlerin zunächst sehr witzig und sympathisch . Als wir im Erdgeschoss auf „Ideenskizzen und Farbsymphonien“ eines „Camille Graeser“ stießen, von dem ich bis dato noch nichts gehört hatte(alle Grafiker und Produktgestalter in Stuttgart mögen mir verzeihen), war ich zunächst nur verwundert, wie es so schlichte Zeichnungen in dieses Herrliche Gebäude geschafft haben. Solche "Studien" fertigte ich schon in früher Jugend im Laufe meiner Ausbildung an (siehe Abbildung). Auf die Idee, diese Arbeiten dem Museum Ritter anzubieten, wäre ich aber nie gekommen. Schon ein wenig enttäuscht erwarteten wir uns von der nächsten Etage dann den ersehnten Kunstgenuss gewissermaßen als Fortsetzung zur überwältigenden Bilderschau Karin Kneffels in Tübingen.
Frühe Farbstudien von Friederike Hoerst-Röhl ,
zum Vergrößern bitte mit der Maus berühren.
Timm Ulrichs
Die zweite Etage

Prospektauszug Museum Ritter
mit aufgeklebtem
Eintritts-Sticker
Unter Verwendung des schicken roten Audioguides (Tonband) des Museums wollten wir uns den Sinn der schwarzen Farbbänder Tim Ulrichs erschließen. Die säuselnde Stimme aus dem Gerät gab uns die eindeutige Erklärung. Alles Müll! Da wären wir vermutlich auch selbst drauf gekommen, das muss nicht erst minutenlang, sehr feinsinnig, zelebriert werden. Schon ein bisschen eingeschnappt zogen wir mit unseren technischen Begleitern weiter. Das Beste kommt ja bekanntlich immer zuletzt. Darauf hofften wir während des Rundgangs vergeblich. Bei den blauen Quadraten angekommen, mussten wir auf das Bänkchen sitzen, um nicht zu kollabieren vor blankem Entsetzen.Verschiedene Aufschriften auf ein und derselben Farbfläche erhöht den sittlichen Nährwert des Nichts nicht um einen Cent. Dafür brauche ich keinen Künstler. Flächen monochrom anstreichen kann mir auch ein Maler Hansel, dafür brauche ich keinen, der mit seiner Überspanntheit nicht mehr weiß wohin. Mehrere Personen neben uns kicherten und schüttelten konsterniert die Köpfe, auch über die liebevoll poetischen Ergüsse aus dem Blechkamerad, zu den Werken an der Wand, Schulter zuckend setzten wir den Weg fort, verzichteten jedoch auf weiteres, schwulstig angereichertes , Sinn entleertes ,jedoch von Arroganz und Selbstgefälligkeit triefendes Geschwafel aus dem roten Guide.
Ein Bogen alter Briefmarken in einem Bilderrahmen zu präsentieren, ist nicht gerade einfallsreich. Wurde doch die Idee des „Ready-Made“ ebenfalls schon im Jahre 1915 von Marcel Duchamp als schockierendes Element des Dadaismus eingesetzt. Damals wurden Flaschentrockner, Kohleschaufeln und Pissoirbecken dafür verwendet. Wen will man denn heute mit einem Blatt alter Briefmarken oder Zigarettenschachteln in “hochnotpeinliches“ Entsetzen befördern? Das ist schlicht abgedroschen und langweilig, da schon zig mal kopiert. Leuchtstoffröhren-Herzen als Wandbeleuchtung kauft man sich bei Ikea. Das ist purer Konsum und keine hohe Kunst.
Warum soll der Besucher derart manipuliert werden von einem Mann, der, weil er sein Architekturstudium nicht zu Ende geschafft hat,Selbstbestätigung sucht , indem er sich zu einem sog. „Totalkünstler“ erklärt(was auch immer das sein soll).Er ruft sich selbst zum ersten lebenden Kunstwerk aus. Mal Hand aufs Herz, Herr Ulrichs, eine Schönheit waren Sie nie. Wo soll da die Kunst sein,wenn ich mir Sie so anschaue? Das einzige, dem ich bedenkenlos zustimmen kann, ist , dass er sich selbst als eine Werbezentrale für Banalismus bezeichnet. 1915 konnte man damit noch als Bürgerschreck durch die Welt ziehen, aber es wird nicht künstlerischer dadurch, dass man es fast 100 Jahre später noch als interessant verkaufen will, weil man annimmt die Lieblingsfarbe der Deutschen (laut dem Meister: blau) zu kennen. Da ist Ulrichs einem großen Irrtum unterlegen. Alle zehn Jahre entdecken die Möbelhäuser eine neue Modefarbe für ihre Käufer, die auch prompt darauf hereinfallen. Momentan sind wieder andere Farben angesagt. Es müssten folglich Farbanstriche und Texte schon dem Modetrend angepasst werden, um zu behaupten man kenne die Lieblingsfarbe eines Volkes. Wie peinlich!
Die einzige Kunst an Timm Ulrichs ist die Kunst der Selbstdarstellung und Selbstbeweihräucherung so weit zu treiben, dass kluge Menschen ihr wunderschönes Museum dafür hergeben solchen Müll an schöne Wände zu hängen. Hat er denn nicht gewusst, dass Malewitsch's suprematistisches „Schwarzes Quadrat“ bereits 1935 mit ihm selbst beerdigt wurde (jedoch hat er sich sein Grab auch nicht bereits im voraus gesichert, um es sich ständig betrachten zu können, wie Ulrichs sich sein eigenes Grab als Denkmal schon zu Lebzeiten gesetzt hat).
Meine Meinung
Der jugendliche Nihilismus der 60er- und 70er Jahre hat sich längst selbst überholt, und künstlerischer Protest durch Anerkennungsverweigerung der wahren Kunst nur noch für den nötig, der sich nicht weiter entwickelt hat oder es einfach nicht besser kann, oder jeder, der solchen Scharlatanen den Spiegel vorhält, immer noch als Spießer gilt. Bleibt die Frage, wie es jemand schafft mit soviel Unvermögen in der Kunst des Erschaffens einen Professorentitel zu erlangen?
Man hätte die Warnung auf der Eintrittskarte ernst nehmen und das Weite suchen sollen, statt für diesen Schwachsinn 5 € pro Person zu bezahlen. Es gibt eben immer noch zu viele Feiglinge unter unseren Zeitgenossen, wie die des berühmten Kaisers von Hans Christian Andersen (des Kaisers neue Kleider), die sich nicht als Kunstbanause outen wollen und deshalb lieber ihre Ehrlichkeit aufgeben. Sollten wir denn nicht sein wie die Kinder, habe ich mal irgendwo in einem sehr alten Buch gelesen?
Resumee
Die Wut über meine eigene Blödheit kriecht mir langsam vom Magen hoch und nimmt auf diesem Weg das kurzfristig in mir wohnhafte Brat-Vögelchen auf dem Rückflug den verkehrten Weg über den Eingang mit sich, unterstützt von der herben Landluft, die das Museum auch im Terrassen-Cafe umweht.
Zum Schluss noch eine Tautologie von mir für den“ Schaffer des Nicht-Ästhetischen Total-Reflexiven Banalisten Timm Ulrichs“
„Große Worte-gar kein Sinn ,only Müll!“
Schade ,Museum Ritter! Wie gut könnten die hellen Räume für gute Ausstellungsstücke genutzt werden, wie z.B. die großartige Bilderkunst von Karin Kneffel.
Wer Kunstgenuss auf dem Lande sucht, ohne einen Kulturschock erleiden zu wollen, der sollte das Kunst Museum von Alison und Peter Klein in Eberdingen-Nussdorf besuchen. Die beiden haben ein äußerst geschicktes Händchen, was den Ankauf von Kunst betrifft.
Das ist allerdings meine ganz persönliche Meinung, andere mögen das anders sehen( besonders die, die mit schönen Worten leicht zu beeindrucken sind).
Noch eine Anmerkung zum Schluss: Nein, ich bin nicht überfordert von der scheinbaren Philosophie eines Timm Ulrichs.. Vielmehr fühle ich mich unfähig die leeren Hülsen der Machwerke aufgeblasener Wichtigtuer von breit angelegter Inhaltslosigkeit und aufgeschwemmter Flachheit zu ertragen.
Fazit des Tages
Karin Kneffel in der Kunsthalle Tübingen unbedingt besuchen! Besser kann Kunst nicht sein.
Im Kloster Bebenhausen schöne Fotos machen und gut Essen.
Ritter Sport Museum für Architekturliebhaber, vielleicht mal besuchen, wenn eine andere Ausstellung gezeigt wird, wegen Timm Ulrichs ist das Benzin zu schade. Man denke an den CO2 Ausstoß, es sei denn jemand ist verrückt nach quadratisch, praktisch, gut in 100 Gramm Gewichtsverstärkern.
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